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Technologie 12. September 2019

Herausforderung Maschinenethik

Seien wir ehrlich, das Klischee, dass Bücher analoge Anachronismen einer längst vergangenen Zeit sind, ist nur teilweise richtig. Besucht man zum Beispiel Berlins Kulturkaufhaus Dussmann, dann wird man unweigerlich Zeuge eines faszinierenden Verkaufsschauspiels – gerade in der Vorösterlichen- und der Vorweihnachtszeit. Außerdem ist es ein guter Ort zum ausgiebigen Schmökern, was die rein digitale Konkurrenz nur bedingt zulässt. Vor einiger Zeit war ich dort und im zweiten Stockwerk des Kulturkaufhauses fiel mir ein kleines, strahlend gelbes Reclam-Büchlein in die Hände. Der Anblick erinnerte mich an die Pflichtlektüren aus längst vergangenen Schulzeiten. Der Titel des circa 280 Seiten starken „Bücherheftchens” lautet: „Grundfragen der Maschinenethik”. Verfasst wurde es von der Stuttgarter Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie Catrin Misselhorn.

Eine gänzlich neue Disziplin

Maschinen werden immer selbständiger und intelligenter. Ihre Verbreitung im Alltag lässt sich kaum mehr stoppen und dabei geraten sie in Szenarien, die moralische Entscheidungen abverlangen, so Misselhorn. Ob und wie Maschinen überhaupt in der Lage sind zu moralischen Akteuren zu werden, ist eine Frage, die alle, die mit Künstlicher Intelligenz umgehen und wie INTEGR8 unter anderem auch Bots entwickeln, beschäftigen muss. Die Autorin diskutiert diese Fragen ausführlich, da sie Gegenstand dieser neuen Disziplin der Maschinenethik sind – einem Bereich, der, zwischen Informatik, Robotik und Philosophie angesiedelt, immer mehr an Bedeutung gewinnt. Trotz des Mutes der Autorin tief in die Materie einzusteigen, bleibt die Sprache der  Wissenschaftlerin leicht verständlich, was zugegebenermaßen im Wissenschaftsbetrieb keine Selbstverständlichkeit mehr ist – auch angesichts der Komplexität des Themas, mit dem sie sich an eine breitere Leserschaft wendet. Im ersten Teil des Buches geht Misselhorn dem Begriff des moralischen Handelns auf den Grund und wie es sich bezogen auf Mensch und Maschine unterscheidet. Das führt sie anhand der Willensfreiheit, des Selbstbewusstseins, der Selbstbestimmung und der Intentionalität, d.h. der zielgerichteten Handlung, weiter aus. Zudem gewährt sie Einblicke in die theoretische Basis von KI, in die Funktionsweise der Turingmaschine und in John Searles „Chinesisches Zimmer“, einem Gedankenexperiment, das strittige Punkte bei der Entwicklung von KI verdeutlicht.

Hochaktuelle Anwendungsbereiche

Der zweite Teil des Büchleins handelt von hochaktuellen Anwendungsbereichen wie Pflegerobotern, Militärrobotern, autonomem Fahren und anderem mehr. Herausgestellt werden Dilemmata, die sich im alltäglichen Umgang mit hochmodernen Maschinen ergeben. Catrin Misselhorn rundet das Ganze mit Anmerkungen, einem ausführlichen Glossar und Literaturhinweisen zur weiteren Vertiefung ab. Angesichts der Tragweite der Veränderungen durch KI und Roboterisierung und den damit einhergehenden ethisch-moralischen Fragen, ist die Lektüre des Buches ein Gewinn für jeden, der sich differenziert über die Herausforderungen unserer Zeit informieren möchte. (tf)

Hier geht’s zum Interview mit der Autorin:

https://www.hr-inforadio.de/programm/das-interview/das-interview-mit-catrin-misselhorn-philosophin,catrin-misselhorn-maschinethik100.html

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