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Digital Life im Prognosen-Gewitter Strategie, Marketing, Technologie 26. Januar 2019

Digital Life im Prognosen-Gewitter

Der Monat Januar ist ein klassischer Zeitpunkt, um einen Blick in die Zukunft zu werfen und sich die Frage zu stellen, womit in den kommenden Jahren zu rechnen sein wird. Im Scheinwerferkegel steht nach wie vor die Frage, wie die technologische Revolution durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) vorangetrieben wird. Keynote Speaker und Podiumsteilnehmer auf Konferenzen wissen, dass sie ihr Publikum nicht langweilen dürfen. Wer die steilsten Thesen heraushaut, erarbeitet sich einen entsprechenden Ruf und kann damit rechnen, immer wieder eingeladen zu werden. Scott Galloway ist so ein Fall. Auf der Digital-Life-Design-Konferenz in München enttäuschte der Wirtschaftsprofessor aus New York sein Publikum nicht und empfahl kurzerhand, Amazon, Google, Apple und Facebook zu „zerschlagen“, weil sie zu mächtig seien, die Märkte zu sehr dominierten und dadurch Innovationen und Wettbewerb eher behinderten. Auch für die kleineren Internetplayer sah Galloway schwarz: „Twitter, Pinterest, BuzzFeed, Vox Media, Refinery 29 und Vice sind eigentlich pleite“, verkündete er – sie wüssten es nur noch nicht. Dem Führungspersonal des in einer tiefen Legitimationskrise steckenden sozialen Netzwerks Facebook konnte Galloway ebenfalls keine großen Hoffnungen machen. Seiner Ansicht nach kommt Facebook nur aus der Krise, wenn die Spitze komplett ausgetauscht wird. CO-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg sollte entlassen werden und Gründer Mark Zuckerberg in den Verwaltungsrat wechseln. Nur ein neuer Vorstand könne das Vertrauen in Facebook wieder herstellen.

Facebooks Goodwill-Tour

Das sieht Sheryl Sanders naturgemäß völlig anders. Auf ihrer Goodwill-Tour durch Europa trat sie unter anderem auch auf dieser Münchner Konferenz auf und versicherte, dass Facebook „nicht dasselbe Unternehmen wie 2016 oder auch noch vor einem Jahr“ sei. Man habe den Nutzern mehr Kontrolle über ihre Privatsphäre gegeben und den Datenschutz verbessert und arbeite mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zusammen, um Wahlmanipulationen zu verhindern. Die Gratwanderung, die Sandberg zu beschreiten hat, wird an Sätzen deutlich, mit denen sie sowohl das Geschäftsmodell als auch die Philosophie des Konzerns gegen zu viele regulierende Eingriffe von staatlicher Seite verteidigen will: „Ich denke“, sagte sie in München, „wir wollen kein Internet, das außer Kontrolle gerät. Wir wollen aber auch kein Internet, das zu streng kontrolliert wird.“ Die Facebook-Werkzeuge, die von wenigen missbraucht worden seien, seien dieselben, die den vielen anderen Gutes bringen könnten, und dafür lohne es sich „zu kämpfen“. Auch auf der Marketing-Strecke kämpft Facebook weiter. Es ergänzt gegenwärtig sein Partner-Programm um den Bereich Brand Safety, damit Werbetreibende besser kontrollieren können, in welchem Umfeld ihre Werbung zu sehen ist.

Der Druck auf die Techkonzerne steigt

An steilen Thesen herrschte, wie gesagt, kein Mangel zu diesem Jahresbeginn, und zwar nicht nur auf der Münchner Konferenz. Alibaba-Gründer Jack Ma etwa warnte in Davos auf einer der Veranstaltungen im Umfeld des Weltwirtschaftsforums davor, dass der Wettlauf um neue Technologien, die ganzen technologischen und gesellschaftlichen Umwälzungen im Zuge von KI zu sozialen Unruhen führen und in einen Dritten Weltkrieg münden könnten. Karl Theodor zu Guttenberg, Ex-Verteidigungsminister und heute Chairman der Investmentfirma Spitzberg Partners LLC, sah in Frankfurt auf dem Deutschen Medienkongress die großen Techkonzerne Google, Amazon, Facebook und Apple auf dem Weg, „unbemerkt Kernelemente klassisch staatlichen Handelns“ zu übernehmen. Kai-Fu Lee, einer der maßgeblichen chinesischen KI-Experten, der ebenfalls an der DLD-Konferenz in München teilnahm, glaubt, dass im Ringen um die technologische Führerschaft Europa keine größere Rolle mehr spielen wird. Es gebe mittlerweile ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den USA und China bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, und Lee ist davon überzeugt, dass chinesische Unternehmen, die heute den Heimatmarkt dominierten, ihre Technologien auch international an den Markt bringen würden.

„Deutschland und Europa müssen investieren“

Alexander Karp, der Mitgründer und CEO von Palantir Technologies, warnte in einem Interview mit Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner ebenfalls davor, dass Deutschland und Europa den Anschluss verlieren. Das in Deutschland vorhandene Talent gehöre zu den besten auf der Welt, aber aus irgendwelchen Gründen sei die Tech-Community nicht die Nummer zwei hinter Amerika. Das sei etwas, so Karp, das Deutschland ändern müsse. „Das industrielle Kraftpaket Deutschland“ sei in Gefahr, wenn es keine Software-Komponente gebe – und das werde „zu enormer politischer Instabilität“ führen. „Deutschland und Europa müssen investieren. Und das ist nicht mal eine Frage von Euros. Es ist eine Frage des Verständnisses, wie der Aufbau einer Tech-Community aussehen müsste“, sagte Karp in dem Interview. Die Einführung digitaler Zölle für Google und Co., „eine Art Zoll auf digitale Dienstleistungen, wenn sie auf dem europäischen Markt Geschäfte machen wollen“, wie das Manfred Weber, dem konservativen Spitzenkandidaten für den EU-Kommissionsvorsitz, vorschwebt, wird an der Dominanz der Digitalkonzerne nichts ändern. Auch nicht Strafzahlungen aufgrund von Verstößen gegen die Datenschutz-Grundverordnung, wie sie jüngst Frankreich gegen Google in Anschlag gebracht hatte. 50 Millionen Euro sind ein Klacks – gemessen an den der Anstrengungen, die nötig wären, um digital aufzuholen. (rst)

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